Erster Teil: Der Mann, der nicht genug getan hat
Im Lukasevangelium steht eine Geschichte, die mich seit Jahrzehnten nicht loslässt. Sie ist schnell erzählt.
Ein reicher Mann kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Vor seiner Tür lag ein Armer namens Lazarus, von Geschwüren bedeckt, und hätte sich gern gesättigt von dem, was vom Tisch des Reichen abfiel.
Halten wir hier einen Augenblick an und schauen wir genau hin, was dieser Reiche eigentlich tut.
Er jagt den Armen nicht fort. Er lässt ihn vor seiner Tür liegen, und er lässt ihn die Reste essen. Nach den Maßstäben seiner Zeit ist das nicht schlecht. Ehrlich gesagt: auch nach unseren nicht. Das ist beinahe anständig. Ein bisschen sozial sogar.
Dann stirbt der Arme und wird an einen Ehrenplatz getragen, an Abrahams Seite. Der Reiche stirbt ebenfalls und findet sich in Flammen und Qualen wieder.
Wofür eigentlich?
Der Mann hat niemanden ausgeraubt. Es steht nirgends, dass er Lazarus geschlagen oder verhöhnt hätte. Er hat kein Gesetz gebrochen. Er hat den Armen vor seiner Tür geduldet und ihm gelassen, was ohnehin herunterfiel.
Und das reicht nicht.
Das ist die ganze Auskunft dieser Geschichte, und sie ist unbequem: Es gibt einen Maßstab, der über dem Erlaubten liegt. Der Reiche wird nicht dafür belangt, dass er Böses getan hat. Er wird dafür belangt, dass er das Naheliegende unterlassen hat, während er es täglich vor Augen hatte.
Warum mich das nicht loslässt
Wir sind daran gewöhnt, unser Verhalten am Erlaubten zu messen. Was nicht verboten ist, gilt als in Ordnung. Wer die Vorschriften einhält, hat sich nichts vorzuwerfen. Ganze Wirtschaftszweige sind auf diesem Satz gebaut.
Diese Geschichte sagt etwas anderes. Sie sagt: Es wird nicht gefragt, ob du im Rahmen geblieben bist. Es wird gefragt, was du getan hast, während vor deiner Tür jemand lag.
Man kann das für einen frommen Text halten und beiseitelegen. Mir geht es nicht so. Denn wenn hier ein Maßstab beschrieben wird, der über dem geltenden Recht liegt, dann stellt sich sofort die nächste Frage – und die ist es, die mich eigentlich umtreibt.
Der eingebaute Verschleiß
Vor einigen Jahren hat Frankreich etwas getan, das mich aufhorchen ließ: Es hat den geplanten Verschleiß unter Strafe gestellt. Also den Vorgang, ein Gerät von vornherein so zu bauen, dass es nach einer bestimmten Zeit kaputtgeht.
Das ist juristisch bemerkenswert. Nicht der Verkäufer wird bestraft, der eine Waschmaschine anpreist, die schon nach kurzer Zeit regelmäßig ihren Dienst versagt. Bestraft wird, wer den Verschleiß hineinkonstruiert hat. Der Gesetzgeber hat erkannt: Es gibt eine Schuld, die nicht beim Verkaufen und nicht beim Benutzen entsteht, sondern schon am Reißbrett.
Und wer den Fehler eingebaut hat, kann sich nicht damit herausreden, dass alle anderen ihn hinterher brav verwendet haben.
Genau hier treffen sich für mich die beiden Gedanken.
Der Reiche im Gleichnis hat sein Vermögen nicht erfunden. Er hat es vorgefunden, in einer Ordnung, die er nicht gemacht hat, und er hat sich darin eingerichtet – nicht besonders schlecht, nicht besonders gut. Er wird trotzdem belangt.
Wenn aber schon er belangt wird, der die Verhältnisse bloß benutzt hat:
Was ist dann mit denen, die die Verhältnisse eingerichtet haben?
Auch der menschliche Körper trägt einen eingebauten Verschleiß. Er altert, er wird krank, er stirbt, und er tut es meistens unter Schmerzen. Wir sind so daran gewöhnt, dass wir es für Natur halten und gar nicht mehr fragen, ob es Konstruktion sein könnte.
Ich stelle die Frage trotzdem. Und ich stelle sie in der Form, die das französische Gesetz vorgibt:
Wenn eingebauter Verschleiß bei einer Waschmaschine strafbar ist –
wer antwortet dann für den eingebauten Verschleiß im Menschen?
Das ist der erste Teil. Er stellt nur die Frage und beantwortet sie nicht. Wer bis hierher gekommen ist, hat alles beisammen, was er für den zweiten Teil braucht: das Gleichnis, das über das Erlaubte hinaus misst – und den Gedanken, dass Schuld schon beim Entwurf beginnt.
Im zweiten Teil gehe ich der Frage nach, wer da eigentlich entworfen hat, und ob es für die Entwerfenden eine Instanz gibt. Dafür muss ich weiter ausholen, als mir lieb ist – bis in die ältesten Geschichten, die die Menschheit über sich selbst erzählt.
Mika Mark · gaenze.de